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Hegels Gedichtmanuskript Eleusis

Ein Kommentar von Richard Schumm

In die Literatur- und Kulturgeschichte ist Hölderlin als Dichter ein­ge­gangen. Sein Gesamtwerk umfasst jedoch auch theoretische, poetolo­gische und philosophische Texte. Georg Wilhelm Friedrich Hegel dagegen hat sich als Philosoph einen Namen gemacht. Doch findet sich in seinem Nachlass auch eine Handvoll Gedichte. Das bekannteste da­runter hat er 1796 verfasst und keinem anderen als dem gleichaltrigen Studienfreund Hölderlin gewidmet. Es trägt den Titel ›Eleusis‹. Heute be­findet es sich in der Sammlung der Universitätsbibliothek Tübingen. Vom 15. Februar bis 31. Mai 2020 ist es als Leihgabe im Hölderlinturm aus­gestellt – kommen­tiert von Richard Schumm, der sich mit Hegels philoso­phischen Texten und ihrer Sprache bereits intensiv auseinander­gesetzt hat.

An Hölderlin: Georg Friedrich Wilhelm Hegel schreibt ein Gedicht

Jeder kennt ihn als den Philosophen des Idealismus. Und als preußischen Staatsdenker. Doch die allermeisten verbinden mit ihm in erster Linie verwirrende Mehrdeutigkeiten und lange, verschachtelte Sätze. Er gilt als »Kopfknotenkönig« (Dietmar Dath) und soll nach Heinrich Heine auf dem Totenbett gesagt haben: »nur Einer hat mich verstanden […] und der hat mich auch nicht verstanden«. Kein geringerer als Theodor W. Adorno vermutet sogar, Hegel sei »im Bereich großer Philosophie […] wohl der einzige, bei dem man buchstäblich zuweilen nicht weiß und nicht bündig entscheiden kann, wovon überhaupt geredet wird«.

Entsprechend schnell fügt sich das Bild eines Denkers, dem die Sprache beim Versuch der Weitergabe des eigenen Wissens im Wege steht – oder könnte man vielleicht von einer Absicht, einem schwierigen Schreiben aus freien Stücken und guten Gründen sprechen? Ja, das kann man durchaus. Denn die Kopfverknotung, ist das nicht auch ein Cha­rakteristikum der Poesie? Haben wir es bei Hegel also mit einem Philo­sophen zu tun, dessen radikale Suche nach der absoluten Wahrheit schlicht keinen ausreichenden Ausdruck in einer einfachen Sprache, in verständlicher Wissenschaftsprosa finden kann? »Hegels Sprache bricht die übliche Grammatik nur deshalb«, schreibt Ernst Bloch, »weil sie Un­erhörtes zu sagen hat, zu dem die bisherige Grammatik keine Handhabe bietet.«

Eine zugegebenermaßen wohlwollende Interpretation. Und doch ein Ansatz, der etwa Hegels ›Phänomenologie des Geistes‹ verständlich(er) macht. Es soll nun aber kein Plädoyer dafür sein, sämtliche Hegel-Ausgaben aus den Philosophie-Regalen hinüber zur Literaturabteilung zu räumen. Es geht vielmehr darum, den Blick für das Sprachexperimen­telle, für poetische Mittel in den Werken Hegels zu schärfen. Zumal er in seiner Vorrede zur ›Phänomenologie des Geistes‹ sein Verfahren in aller Offenheit darlegt, indem er zwischen grammatischer Richtigkeit auf der einen und philosophischer Aussage auf der anderen Seite zu unter­scheiden fordert:

»Der philosophische Satz, weil er Satz ist, erweckt die Meinung des gewöhnten Verhältnisses des Subjekts und Prädikats, und des gewöhnten Verhaltens des Wissens. Dies Verhalten und die Meinung desselben zerstört sein philosophischer Inhalt; die Meinung erfährt, daß es anders gemeint ist, als sie meinte, und diese Korrektion seiner Meinung nötigt das Wissen, auf den Satz zurückzukommen und ihn nun anders zu fassen.«

» nur Einer hat mich verstanden […] und der hat mich auch nicht verstanden «

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (nach Heinrich Heine)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831

Friedrich Kittler bringt Hegels Stil ganz in diesem Sinne auf den Punkt, wenn er festhält, dass eine Vielzahl seiner Sätze »zwei Lesemöglichkeiten beinhalten und darum überhaupt erst der Wiederholungslektüre auf­gehen können«. Und eben hierdurch werden sie, so Kittler weiter, »genauso unvergeßlich wie (nach Schiller) einzig Dichtung.«

Ein weiterer Beleg für die poetische Seite Hegels hält ein Blick in das Archiv der Universitätsbibliothek Tübingen bereit, in dem sich das Manuskript zum Gedicht ›Eleusis‹ befindet. Tatsächlich sind einige poetische Versuche in seinem Nachlass erhalten. Sie bestehen vorwie­gend aus nur wenigen, zumeist holprigen Versen und sind mal mit ›Der alte Einsiedler‹, ein anderes Mal mit ›Der Jüngling‹ überschrieben. Auch ein Gelegenheits­gedicht findet sich unter seinen Schriften und ist wohl anlässlich der Konfirmation der Prinzessinnen von Hessen-Homburg entstanden. Der frühe Hegel-Biograf Karl Rosenkranz nennt dann auch den »Kampf mit dem Metrum und das Unterliegen in demselben« als herausragende Eigenschaft seiner Dichtungsversuche. Auch die ›Eleusis‹-Verse fallen durchaus unsauber aus und trotzdem gilt es als »das einzige Gedicht von Belang, das er schrieb« (Dieter Henrich).

Vier großformatige Seiten umfasst das Manuskript, das Hegel rund um seinen 26. Geburtstag im Jahr 1796 verfasst und mit einer Widmung an Hölderlin versieht. Ob er die Handschrift je an den Freund nach Frank­furt sendet, ist jedoch unklar. Zwar spricht die noch heute sich deutlich abzeichnende Faltung dafür, dass die Papiere einmal für den Postversand vorgesehen waren, in der Korrespondenz der beiden fehlen allerdings eindeutige Hinweise auf den Text.

Doch eines nach dem anderen: Im Sommer 1796 ist Hegel bereits seit knapp drei Jahren als Hofmeister für eine Berner Familie angestellt, als er von Hölderlin über eine freie Stelle in Frankfurt unterrichtet wird. Dort wären sich beide zum ersten Mal seit den gemeinsamen Tagen im Tübin­ger Stift wieder nah und entsprechend enthusiastisch geht Hegel auf den Vorschlag ein. In eben dieser vorfreudigen Stimmung verfasst er das Gedicht. Dabei steht er auch unter dem starken Eindruck eines Aufenthaltes in den Alpen. Seinem Dienstherrn samt Familie folgt er in der Sommerzeit an den Bieler See, der ebenso wie die Gebirgslandschaft Eingang in das Gedicht findet. Hegel wird dort aber auch an einen anderen Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur erinnert: Jean-Jacques Rousseau, dessen Schriften er bereits als Schüler liest. Denn 31 Jahre zuvor ver­bringt dieser am Bieler See einige Wochen seines Exils. Eben dieser trotz ihrer Kürze »glücklichste[n] Zeit« seines Lebens setzt Rousseau später in den ›Träumereien eines Spaziergängers‹ ein Denkmal.

Referenzen wie diese und viele ineinander verwobene inhaltliche Ebenen zeichnen ›Eleusis‹ aus. Ganz explizit und titelgebend wird mit der Stadt ›Eleusis‹, die in der Antike der Schauplatz der ›Eleusis‹chen Mysterien war, eine Klage verbunden: Es gab einmal einen Kreis Eingeweihter, es gab einen direkten Kontakt mit dem Göttlichen – und heute? »Geflohen ist der Götter Krais zurük in den Olymp«. Das Irdische ist nurmehr profaner Grund, Heimat der Wissenschaft und ihrer Forscher, die zwar ein beacht­liches Wissen über die Antike zusammentragen, aber nicht zum eigent­lichen Kern, zur ursprünglichen Erkenntnis vordringen können: »Staub und Asche nur erhaschten sie«.Mancher Vers ist auf einer anderen, implizit biographischen Ebene direkt auf die baldige Zusammenkunft Hegels und Hölderlins gemünzt:

»dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie
des Wiedersehens süssern Hoffnungen –«

Analog zur Klage des für die Antike zu spät Geborenen wird die eigene Studienzeit, das Zusammendenken im Tübinger Stift verklärt. Und auch hier verbindet sich der Gedanke eines Kreises Eingeweihter mit der Aussicht auf eine höhere Erkenntnisstufe – im Unterschied zu den ›Eleusi­schen Mysterien‹ allerdings mitsamt der Aussicht, hieran wieder an­knüpfen zu können:

»des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
des Bundes, den kein Eid besigelte,
der freyen Wahrheit nur zu leben, Frieden mit der Sazung,
die Meinung und Empfindung regelt, nie nie einzugehen.«

Regellosigkeit als Programm, grenzenloses Denken als Ideal. »Staub und Asche« ist in keinem Fall genug – es geht dem jungen Hofmeis­ter um nichts weniger als das große Ganze. Und dass er seine Gedanken hierzu ausgerechnet in Form eines Gedichts vorlegt, erscheint nun nicht einmal mehr überraschend. Es ist vielmehr eine konsequente Entschei­dung, wenn man dem Gedanken folgt, dass es gerade die erkennende Kraft der Phantasie (und man könnte ergänzen: der Poesie im Gegensatz zur Wissenschaft) ist, die zum Nachdenken über die letzten Dinge befähigt. Ganz in diesem Sinne notiert Hegel in seinem Manuskript einige programmatische Verse, die in ihrer Klarheit aus dem Gedicht heraus­ragen. Vielleicht eben deswegen verwirft er sie auch, denn die Hand­schrift weist an eben dieser Stelle eine Streichung auf (wenngleich die Passage glücklicherweise nach wie vor lesbar ist). Ausgangspunkt ist der Anblick des Nachthimmels:

»Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
ihm graut vor dem unendlichen, und staunend fast
er dieses Anschauns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige
vermählt es mit Gestalt.«

Während die Wissenschaften scheitern, triumphiert also die Phantasie und ermöglicht zwar kein Begreifen im umfassenden Sinn, doch immer­hin eine Annäherung. Die Philosophie wird hier ganz in ihrem Wortsinn als Liebe zur Weisheit verstanden und eben nicht als Weisheit selbst. Sie kann das Ewige nicht fassen, ob es sich nun um die Sterne handelt oder um die antiken Kulte, die so eng mit dem Göttlichen verbunden waren:

»Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armuth
ihm graut das heilige so klein gedacht,
durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,
und daß er bebend sich den Mund verschliest.«

Was bleibt nun demjenigen zu tun übrig, der trotzdem nicht über das Ewige schweigen möchte?

Ein Text- und Szenenwechsel gibt Auskunft: Kurz nach ›Eleusis‹ entsteht das sogenannte ›Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus‹. Mal wird der Text als Gemeinschaftswerk Hegels, Hölderlins und Schellings bezeichnet und mal nur einem, mal zweien der Drei zugeschrieben. Fest steht, dass die Handschrift von Hegel stammt; und die Entstehung fällt wohl in das Jahr 1797, in dem er durch den Umzug nach Frankfurt wieder engere Bande mit Hölderlin knüpft. Entscheidend ist nun, dass auch das ›Systemprogramm‹ die Bedeutung der Poesie in den Vordergrund stellt. Diese soll wieder werden, »was sie am Anfang war – Lehrerin der Mensch­heit«, heißt es dort emphatisch, »denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.«

Hier wird nicht die Herrschaft der Philosophie gefordert, vielmehr soll die Poesie als wichtigste Disziplin in Wissenschaft und Kunst aner­kannt werden, ja: »Der Philosoph muß eben so viel ästhetische Kraft besizen, als der Dichter; die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsre BuchstabenPhilosophen.«

Gerade im Zusammenblick beider Texte, des ›Systemprogramms‹ und ›Eleusis‹, wird der Versuch deutlich, abseits der Buchstabenphilosophie zu einem neuen Denken zu gelangen und in der Versform eine hierfür adäquate Gattung zu erkennen. Allerdings steht dies im Kontrast zu Hegels späteren ästhetischen Überlegungen, die eine ganz andere Hierarchie etablieren. In seinen ›Vorlesungen über die Philosophie der Kunst‹ aus dem Wintersemester 1820/21 stellt er denn auch das Denken über das Dichten (und verwendet eben hierfür ein markantes literari­sches Bild): »Die höchste Idee kann nur in der Form des Denkens auftreten; jedes andre Gefäß der Kunst würde durch das Wahre zersprengt werden.«

Knapp vier Jahre nachdem ›Eleusis‹ entsteht, ist es nun Hölderlin, der in der Schweiz als Hofmeister arbeitet. Vermutlich eben dort beginnt er die Arbeit an seiner Hymne ›Der Rhein‹ – und auch hier finden sich einige der genannten Motive: neben der Verbindung zum Göttlichen etwa Rousseau und der Bieler See. Vergegenwärtigt man sich ›Eleusis‹ beim Lesen von Hölderlins Versen, so meint man beinahe den Poesie-Amateur Hegel beim (mühsamen) Schreiben seiner Verse betrachten zu können:

»Im Schatten des Walds
Am Bielersee in frischer Grüne zu sein,
Und sorglos arm an Tönen,
Anfängern gleich, bei Nachtigallen zu lernen.«

Eleusis Seite 1 - Vorderseite

Eleusis Seite 1 - Rückseite

Eleusis Seite 2 - Vorderseite

Eleusis Seite 2 - Rückseite

Manuskript aus der Bibliothek der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Eleusis. An Hölderlin. August 1796

Um mich, in mir wohnt Ruhe, – der geschäftgen Menschen
nie müde Sorge schläft, sie geben Freiheit
und Musse mir – Dank dir, du meine
Befreierin o Nacht! – Mit weissem Nebelflor
umzieht der Mond die ungewissen Gränzen
der fernen Hügel; freundlich blinkt
der helle Streif des Sees herüber –
des Tags langweil'gen Lermen fernt Errinnerung,
als lägen Jahre zwischen ihm und izt;
dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie
des Wiedersehens süssern Hofnungen –
Schon mahlt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Scene, dann der Fragen des geheimern
des wechselseitigen Ausspähens Scene,
was hier an Haltung, Ausdruk, Sinnesart am Freund
sich seit der Zeit geändert, – der Gewisheit Wonne,
des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
des Bundes, den kein Eid besigelte,
der freyen Wahrheit nur zu leben, Frieden mit der Sazung,
die Meinung und Empfindung regelt, nie nie einzugehn.
Nun unterhandelt mit der trägern Wirklichkeit der Wunsch,
der über Berge Flüße leicht mich zu dir trug,
– doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer, und mit ihm
entflieh’t der süssen Phantasien Traum.
Mein Aug erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
und aller Wünsche, aller Hofnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab;
der Sinn verliert sich in dem Anschaun,
was mein ich nannte schwindet,
ich gebe mich dem unermeslichen dahin,
ich bin in ihm bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
ihm graut vor dem unendlichen, und staunend fast
er dieses Anschauns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige
vermählt es mit Gestalt – Willkommen, ihr
erhabne Geister, hohe Schatten,von deren Stirne die Vollendung strahlt!
er schrekket nicht, – ich fühl’ es ist auch meiner Heimath Aether,
der Ernst, der Glanz, der euch umfliest.
Ha! sprängen, izt die Pforten deines Heiligthumes selbst,
O Ceres, die du in Eleusis throntest! Von
Begeistrung trunken fühlt’ ich izt,
die Schauer deiner Nähe,
verstände deiner Offenbahrungen,
ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
die Hymnen bei der Götter Mahlen,
die hohen Sprüche ihres Raths. –
Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!
Geflohen ist der Götter Krais zurük in den Olymp
von den entheiligten Altären,
Geflohn von der entweihten Menschheit Grab,
der Unschuld Genius, der her sie zauberte! –
die Weisheit deiner Priester schweigt, kein Ton der heil’gen Weihn
hat sich zu uns gerettet – und vergebens sucht
des Forschers Neugier – mehr, als Liebe
zur Weisheit sie besizen die Sucher, und
verachten dich – um sie zu meistern graben sie nach Worten,
in die dein hoher Sinn gepräget wär!
Vergebens! etwa Staub und Asche nur erhaschten sie,
worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und entseeltem auch gefielen sich
die ewigtodten! – die genügsame! – umsonst – es blieb
kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur!
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle
des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
als daß er trokne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke fast die Seele nicht,
die ausser Zeit und Raum in Ahndung der Unendlichkeit
versunken sich vergist, und wieder zum Bewustseyn nun
erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armuth
ihm graut das heilige so klein gedacht,
durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,
und daß er bebend sich den Mund verschliest.
Was der geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesez den ärmern Geistern, das nicht kund zu thun,
was er in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt –
daß nicht den bessern selbst, auch ihres Unfugs Lerm
in seiner Andacht stört’, ihr hohler Wörterkram
ihn auf das heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
so in den Koth getretten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, – daß es nicht
zum Spielzeug und zur Waare des Sophisten
die er obolenweiß verkaufte,zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
zur Ruthe schon des frohen Knaben, und so leer
am Ende würde, daß es nur im Widerhall
von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.
Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
nicht deine Ehr’ auf Gaß’ und Markt, verwahrten sie
im innern Heiligthum der Brust –
drum lebtest du auf ihrem Munde nicht,
ihr Leben ehrte dich, in ihren Tathen lebst du noch.
Auch diese Nacht, vernahm ich, heilge Gottheit dich,
dich offenbahrt oft mir auch deiner Kinder Leben,
dich ahnd’ ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben
der, eine Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.

Literaturhinweise

  • Theodor W. Adorno: Skoteinos oder Wie zu lesen sei (1963)
  • Ernst Bloch: Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel (1951)
  • Dietmar Dath: Die Küche aller Widersprüche. Frankfurter Allgemeine Zeitung (24.8.2017)
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel: ›Eleusis‹ (1796)
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel (und/oder Friedrich Hölderlin und/oder Friedrich Wilhelm Joseph Schelling): Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (~1797)
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807)
  • Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)
  • Dieter Henrich: Hegel im Kontext (1971)
  • Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900 (1985)
  • Friedhelm Nicolin und Gisela Schüler: Editorischer Bericht. In: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Frühe Schriften I (1989)
  • Karl Rosenkranz: Georg Wilhelm Friedrich Hegel‘s Leben (1844)
  • Jean-Jacques Rousseau: Träumereien eines Spaziergängers (1782)
  • Friedrich Hölderlin: Der Rhein (~1808)

Über den Autor

Richard Schumm

Richard Schumm wurde 1985 in Tübingen geboren. Er studierte Neuere deutsche Literatur in Tübingen und am Trinity College in Dublin. Zuletzt war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv Marbach und hat sich unter anderem intensiv mit Hegel und der Sprache der Philosophie auseinandergesetzt.

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