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Hegels Stammbuch

Ein Kommentar von Tibor Schneider

Der Eintrag, den Hölderlin im Stammbuch seines Kommilitonen und Zimmergenossen Georg Wilhelm Friedrich Hegel hinterlassen hat, ist sowohl Zeugnis ihrer Freundschaft als auch ihres frühen philosophischen Austauschs. Neben dem Goethe-Zitat »Lust und Liebe sind die Fittige zu großen Taten« ist auf dem Blatt die griechische Losung »Ἓν καὶ Πᾶν« – »Eins und Alles« – festgehalten, die zum Er­kennungszeichen ihrer Freundschaft und zu einer gemeinsamen philosophischen Ausgangsfrage wurde: Der Frage nach der allesum­fassenden Einheit und wie wir zu ihr zurückfinden.

Vom 12. Juni bis 31. Oktober 2020 ist dieser Eintrag gemeinsam mit den anderen Blättern aus Hegels Stammbuchs in der Reihe ›Aus dem Archiv geholt‹ im Hölderlinturm zu sehen. Kommentiert hat ihn der Lyriker Tibor Schneider, der in Hegels Sprache den reinsten (Prä-)Dadaismus erkennt, nichtsdestotrotz aber 26 Semester in Tübingen Philosophie studiert hat, um ein einziges Werk von Hegel zu verstehen. Der Philosoph wurde nicht nur Gegenstand seiner Abschlussarbeit, sondern lieferte auch das Motto zu seinem ersten Gedichtband ›zimt fuer deutschland‹ von 2016.

Hegels Stammbuch – ein Herbarium

Von einem Buch kann bei jenem Stammbuch von Georg Wilhelm Friedrich Hegel eigentlich kaum mehr die Rede sein. Vielmehr besteht das Konvolut, das sich heute in der Sammlung der Univer­sitätsbibliothek Tübingen befindet, aus 86 losen Zetteln, auf denen Hegels Studienfreunde am Tübinger Stift Wünsche, Andenken, Scherze und versteckte Botschaften hinterlassen haben. Eine Art Herbarium, das die Erinnerungen an seine Studienjahre auf losen Blättern konserviert. Als Hauslehrer in der Schweiz, am Bieler See, wo es ihn nach Abschluss seines Studiums hin verschlug, legte Hegel nach dem Vorbild Jean-Jacques Rousseaus, des großen Philosophen der Aufklärung, tatsächlich ein solches Herbarium an, das er später, in Jena, vor Goethe präsentieren sollte, mit dem unter anderem auch das Interesse für die Natur­wissenschaften teilte. Aufgesammeltes und Angeeignetes auf losen Blättern zu archivieren scheint bei ihm schon früh bewährte Praxis gewesen zu sein. Bereits als Schüler hatte sich Hegel ein geordnetes System für sein angelesenes Wissen und seine dazu entwickelten Gedanken angelegt:

»Alles, was ihm bemerkenswerth schien – und was schien es ihm nicht! – schrieb er auf ein einzelnes Blatt, welches er oberhalb mit der allgemeinen Rubrik bezeichnete, unter welche der besondere Inhalt subsumirt werden mußte. In die Mitte des oberen Randes schrieb er dann mit großen Buchstaben […] das Stichwort des Artikels. Diese Blätter selbst ordnete er für sich wieder nach dem Alphabet und war mittelst dieser einfachen Vorrichtung im Stande, seine Excerpte jeden Augenblick zu benutzen.«

Karl Rosenkranz: Georg Wilhelm Friedrich Hegel’s Leben, Berlin 1844, S. 12-13.

Auch die Einträge seines Stammbuchs wurden nachträglich im Archiv nach dem Alphabet sortiert und mit einem Register versehen. Hölderlins Eintrag mit der Nummer 32 wird darunter zweifelsohne einer der meistgefragtesten sein. Ein Zeugnis der Freundschaft zweier Geistes­größen, die im selben Jahr geboren wurden, zur selben Zeit in Tübingen Theologie studierten und sich gegenseitig in ihrem Denken beeinflussten.

Namensregister zu Hegels Stammbuch aus der Bibliothek der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Ἓν καὶ Πᾶν

Lust und Liebe sind
die Fittige zu großen Taten

Manuskript aus der Bibliothek der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Anführungszeichen
»Goethe.
Lust und Liebe sind
die Fittige zu großen Taten.
Schriebs zum Andenken
Dein Freund
M[agister] Hölderlin«.

Hölderlins Eintrag in Hegels Stammbuch

Zweifelsohne sind Hölderlin und Hegel die großen Vertreter ihrer Zunft. Hölderlin als Dichter, Hegel als Philosoph und Wissenschaftler. Lust und Liebe sind aber zwei verschiedene Dinge desselben Ursprungs, ja sogar desselben Lehrers, nämlich Sokrates. Sowohl Platon, der das Prinzip des philosophischen Eros vertritt, als auch sein Schüler Aristippos, der in der Lust ein künstlerisch-schaffendes Ideal erkennt, waren Schüler des Sokrates. Aristippos‘ Lehre steht für die hedonistische, dem Prinzip der Lust folgende Schule. Platons Lehre für die des strebenden Eros, die insbesondere durch Platons Dialog ›Symposion‹ bekannt wurde. Das hedonistische Prinzip existierte dessen ungeachtet weiter, wurde nur nicht an Universitäten weiter tradiert. Ich denke aber dennoch, dass beide Schulen sowohl in der Dichtung als auch in der Philosophie eine Rolle spielten. Die beiden ästhetischen Prinzipien sind Fittige zu großen Taten.

Hölderlin fragt zutreffend in seinem Roman ›Hyperion‹:

»Was hat die Philosophie, […] was hat die kalte Erhabenheit dieser Wissenschaft mit Dichtung zu thun? Die Dichtung […] ist der Anfang und das Ende dieser Wissenschaft.«

Vorausschauend richtet Hölderlin den Blick nach vorne und zwar symmetrisch um die Gegenwart gespiegelt:

Vergangenheit
Gegenwart
Zukunft

Die Dichtung setzt er dabei für den Ausgangspunkt in der Vergangenheit und den Endpunkt in der Zukunft ein, während die Philosophie auf der Zeitachse die Mitte der Entwicklung bildet. Die erfahrbare Zeit ist somit doppelt dichtungsgesättigt:

Dichtung
Philosophie
Dichtung

Wie konnte das Hölderlin bereits im ›Hyperion‹ voraussagen? Nun, er konnte mit Sicherheit nicht in die Zukunft blicken. Wie Hegel war er aber in jungen Jahren davon überzeugt, dass die Dichtung die »Lehrerin der Menschheit« sein wird. Ein Gedanke, den die drei jungen Tübinger Studenten Hölderlin, Hegel und Schelling gemeinsam im sogenannten ›Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus‹ entwarfen. Darin steht unter anderem geschrieben, wovon die drei als junge Menschen träumten, nämlich von der »Idee der Schönheit, das Wort im höheren platonischen Sinne genommen«, unter der die künftige Philosophie sich entfalten werde und dass der Philosoph ebenso sehr ästhetische Kraft besitzen müsse wie der Dichter. Das bewog Hölderlin – übrigens ebenso wie den jungen Hegel – zu der Annahme, dass sich die Philosophie künftig in Dichtung umkehren wird, wie von Platons in den ästhetisch-philosophischen Dialogen und in Diotimas Rede im ›Symposion‹ verkündet. Dort sind also schon Fittige zu großen Taten zu finden.

Hölderlin behielt am Ende Recht – und Hegel trug mit seiner Philosophie und Wissenschaft dazu bei. Er hatte die Philosophie an ihren absoluten Höhepunkt und somit tatsächlich an ihren eigentlichen Anfang vom Ende gebracht. Das kann man aus heutiger Perspektive so sehen. Doch Hölderlin traut sich offenbar etwas mehr zu. Er zeigte uns kühn, was noch kommen mag. Der Weg der Philosophie führt achsensymmetrisch zurück zur Dichtung, zu den Wurzeln, aber nicht zu ihrer ursprünglichen Form, sondern durch die Negation der Geschichte zu ihrer transformierten Form. So ist Hölderlins Prognose nicht zirkulär, sondern durchaus progressiv zu verstehen.

Die Bewegung der Geschichte selbst gleicht nach Hölderlin einem Drama mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Was mit Homer, Parmenides, Euripides, Platon oder Aristippos begann und über Aristoteles, Descartes, Kant, Fichte, Hegel zu Nietzsche, Kierkegaard, Heidegger, Sartre und Sloterdijk führte, um nur ein paar Protagonisten zu nennen, bewegte sich aus der heutigen Perspektive tatsächlich wieder zum narrativen Element in der Philosophie zurück. Wenn das wesentliche Merkmal der Dichtung die Narration ist, dann unterscheidet sie sich dadurch von der Philosophie, dass wissenschaftliche Philosophie zu Hegels Zeit keine Geschichten erzählte. Hölderlin, Hegel und Schelling vermissten aber diese ästhetische Kraft der Narration in der Philosophie, die als große Tat künftig noch kommen sollte.

Stiftsalltag auf Stammbuchblättern

Ordnet man die 86 losen Blätter, die Hegels Stammbuch umfasst, chronologisch, so ziehen seine Tübinger Studienjahre darin vorbei wie in einem Daumenkino. In Momentaufnahmen und kurzen Ausschnitten erzählen die Blätter von den Gesprächsthemen, Interessen und Insidern der Studenten. Von den Freundschaften, die sich trotz der wenigen verbleibenden Zeit neben den Vorlesungen in Logik, Ethik, Griechisch und Hebräisch, Mathematik, Physik, Dogmatik und Bibelexegese entwickelten. Von dem lebhaften Miteinander, das sich im Stammbuch in Form von Zeichnungen, Spitznamen, Scherzen und versteckten Anspielungen niederschlägt. Unübersehbar werden daneben aber auch die politischen Interessen der Stipendiaten deutlich, deren Studium zeitgleich zum Ausbruch der Französischen Revolution im Nachbarland verlief. Während sie selbst im streng hierarchisch organisierten Stift kaum Entscheidungsfreiheiten hatten, verfolgten sie das politische Geschehen außerhalb der Stiftsmauern mit umso größerer Anteilnahme, was wiederum auch die Stimmungen innerhalb der Stiftsmauern veränderte. Halten sich die Einträge anfangs noch vorsichtig hinter Denksprüchen und Zitaten zurück, werden sie gegen Ende immer deutlicher: »Am guten Tage sei guter Dinge: und am bösen? – je nun, da singe das Freiheitslied«, schreibt Friedrich Harpprecht am 25. September 1792, dem »letzten Tag [seines] Klosterlebens« Abb. 1. Ein anderer datiert seinen Eintrag auf »l’an 3. de la liberté française«, ein weiterer schreibt »Vive la liberté« und der Dichter Gotthold Friedrich Stäudlin zitiert Ulrich von Huttens ›In Tyrannos‹ (Wider die Tyrannen) Abb. 2, das als Motto von Schillers Drama ›Die Räuber‹ zu dieser Zeit erneut in aller Munde war.

Abb.1: Friedrich Harpprechts Eintrag, am »letzten Tag [seines] Klosterlebens«

Abb.2: Gotthold Friedrich Stäudlin zitiert »In tyrannos«

Schiller, der aufgrund des revolutionären Inhalts seines Dramas bereits 10 Jahre zuvor aus der württembergischen Heimat fliehen musste und vom Herzog des Landes verwiesen wurde, war den Studenten sowohl Mahnmal als auch Vorbild. Seine Stücke, wie jenes vom ›Don Karlos‹, der vor dem spanischen König Gedankenfreiheit einfordert, wurden bereits in den Klosterschulen heimlich herumgereicht und mit großer Begeisterung gelesen. Daneben werden in Hegels Stammbuch aber auch lateinische und griechische Autoren zitiert, mit deren Literatur die Stipendiaten mindestens ebenso vertraut waren, wie mit der deutschen. Auch Shakespeare, von dem Hegel bereits als 9-jähriger eine 18-bändige Werkausgabe besaß, und der große Aufklärer Rousseau finden sich darin. Hinweise auf die mitunter verbotenen Lektüren und Vorlieben der Studenten. Hölderlins Eintrag stammt aus dem Jahr 1792. Der angehende Dichter widmet dem Freund, mit dem er leidenschaftlich über Philosophie, Politik und Gesellschaft debattierte und noch über die gemeinsame Tübinger Studienzeit hinaus in Kontakt bleiben wird, ein Zitat von Goethe:

»Lust und Liebe sind / die Fittige zu großen Taten.«

Offenbar war der Satz aus Goethes ›Iphigenie auf Tauris‹ knapp vier Jahre nach der Veröffentlichung schon sprichwörtlich geworden. Vermutlich war es Hegel selbst, der unter dem Datum die griechische Losung »Ἓν καὶ Πᾶν« (hen kai pan) ergänzte – »Eins und Alles« oder auch »Alles in Einem und Eins in Allem«. Eine Losung, die auf den Vorsokratiker Heraklit zurückgeht und für beide zur gemeinsamen Ausgangsfrage ihrer späteren Werke wurde: Wie kann die Welt als Ganzes gefasst werden? Warum gibt es die einstige All-Einheit nicht mehr? Was können wir aus diesem Verlust lernen? Und inwiefern kann jene Auseinander-setzung womöglich sogar hilfreich sein?

Schelling fehlt in Hegels Stammbuch. Dabei war er der dritte im Bunde dieses jungen Philosophenkreises, aus dem später das sogenannte ›Älteste System­programm des Deutschen Idealismus‹ hervorgehen sollte. Ob sein Blatt verloren ging oder ob er Hegel keine Widmung hinterlassen hat, bleibt ungewiss.

Religiöse Sprüche finden sich in den Einträgen der Theologie­studenten auffällig selten und wenn überhaupt mit kritischem Nebenton. »Jedermanns Gänge kommen vom Herrn; welcher Mensch verstehet seinen Weg?«, fragt Hegels Kommilitone Christoph Friedrich Weihen­mayer. Häufiger erscheinen dagegen Anspielungen auf gesellige Abende in Wirtshäusern Abb. 3 und andere Zusammenkünfte. Hegels Freund Fink hinterlässt die Parole »Es lebe die Ballgesellschaft – es leb‘ auch unsre Kandidaten-Gesellschaft!!« Abb. 4 – womöglich eine Anspielung auf jenen geheimen ›politischen Clubb‹, in dem sich die Stipendiaten regelmäßig versammelten, um französische Zeitungen auszutauschen und über die neuesten politischen Ereignisse zu debattieren. Der Studienfreund Fallot aus dem französischen Mömpelgard erinnert an Wein und Butterbrezeln »chez le Boulanger« Abb. 5 – womöglich entstand hier die Legende um Hegels Stammkneipe, das Tübinger Weinlokal ›Boulanger‹

Abb.3: Eintrag mit gezeichnetem Wirtshausschild

Abb.4: Fink endet mit einem Vivat auf eine gewisse »Kandidaten-Gesellschaft!!«

Abb.5: Fallot erinnert an »sottises en amour«, Wein und Butterbrezeln.

»J’espère que tu te souviendras toujours avec plaisir de soirées que nous avons passées ensemble chez le Boulanger en buvant du vin de quatre batz et en mangeant des Butter Brezel«

Fallot war es auch, der jenen legendären Spitznamen, den Hegel bereits als junger Student erhielt, in einer Zeichnung verewigte: Die Karikatur Abb. 6 eines buckligen alten Mannes mit Gehstöcken und Mönchshabit – kommentiert mit den Worten: »Gott stehe dem alten Mann bei«. Auch Benjamin Gottlob Fischer aus Nürtingen prophezeit ihm, »Aber der Frost und Deine grauen Haare / Werden Dir bleiben« Abb. 7, und Christian Ludwig Bilfinger grüßt zum Abschied, »Lebe wohl, mein lieber Alter« Abb. 8.

Abb.6: Karikatur zu Hegels Spitznamen »Alter Mann«.

Abb.7: Fischer hinterlässt eine Anspielung auf Hegels graue Haare.

Abb.8: Abschiedsgruß von Bilfinger: »Lebe wohl, mein lieber Alter«

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