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  3. Hölderlins Meisterwerk ›Hälfte des Lebens‹
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Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

An prominentester Stelle, nämlich im Titel und im letzten Vers des Gedichts, steht ein Adonius – laut Winfried Menninghaus eine der eingängigsten metrischen Figuren überhaupt. Er besteht aus aus einem Daktylus und einem Trochäus.

Daktylus

betont, unbetont, unbetont

—◡◡

Trochäus

betont, unbetont

—◡

Adonius

betont, unbetont, unbetont, betont, unbetont

—◡◡ —◡

Manchmal steht anstelle des Trochäus auch ein Spondeus, ein Versmaß, in dem zwei betonte Silben aufeinanderprallen.

Daktylus

betont, unbetont, unbetont

—◡◡

Spondeus

betont, betont

——

Adonius

betont, unbetont, unbetont, betont, betont

—◡◡ ——

Der Adonius hat seinen Namen von den Klagen um den Tod des schönen griechischen Jünglings Adonis, der sowohl Frauen als auch Männer betört haben soll: »ô ton Adônin« (—◡◡ | —◡).

Die griechische Dichterin Sappho hat dieses metrische Schema zu ihrem Markenzeichen gemacht: Ihre lediglich fragmentarisch überlieferten Gedichte, für die sie eine ganz eigene Form der Ode kreierte, schließen stets mit dieser Betonungsfolge ab.

Hölderlin hat die Form der Ode in der Tradition des griechischen Dichters Pindar und des deutschen Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock weitergeführt und auf die deutsche Sprache übertragen. Unter seinen Gedichten finden sich viele asklepiadeische und alkäische Oden. Allerdings hat er nur eine einzige sapphische Ode angefertigt: die Ode ›Unter den Alpen gesungen‹. Eine zweite, die den Titel ›Sapphos Schwanengesang‹ tragen sollte, hat er nicht weiter ausgeführt. Die Schwäne allerdings tauchten wenig später im Entwurf zu ›Hälfte des Lebens‹ wieder auf.

Mehr zur Metrik von ›Hälfte des Lebens‹

Wolfram Groddeck: Zahl, Maß und Metrik in Hölderlins Gedicht ›Hälfte des Lebens‹

In: Weiterlesen. Literatur und Wissen, hrsg. von Ulrike Bergermann und Elisabeth Strowick, Bielefeld 2007